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Zur Geschichte der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung

Die Anfänge der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung liegen in einem Symposium, welches 1982 auf dem 8. DGfE-Kongress in Regensburg unter dem Titel „Leben und Lernen jenseits patriarchaler Leitbilder“ von Christine Holzkamp (Berlin), Sigrid Metz-Göckel (Dortmund), Sabine Sellmann (Dortmund), Gisela Steppke (Berlin), Renate Thiersch (Tübingen) organisiert und von Birgit Cramon-Daiber (Frankfurt/Main) und Hedwig Ortmann (Bremen) geleitet wurde. Der Ankündigungstext verdeutlicht, wie umfassend der Anspruch auf eine andere Wissenschaft bei den Beteiligten war:

Wir denken nicht linear und eilen nicht von einer miserablen Realität zu einer gut und schön gedachten Zukunft. Wir lassen uns auf zyklisches Denken ein, in dem der Ausgangspunkt zugleich Ziel und der Zielpunkt Ausgangspunkt wird. Zwischen beiden spinnen wir die Fäden unserer erkenntnisleitenden Fragestellungen. Von dieser Struktur aus versuchen wir das Symposium zu gestalten, Sichtungsarbeit zu leisten und Entwicklungslinien festzulegen. Wir wollen Wissen zusammentragen. Deshalb planen wir nicht eine Vortragsveranstaltung, denn wir sind alle Akteurinnen und Akteure, ebenso wie wir Wissende und Betroffene sind. Wir Planerinnen haben Fragestellungen zusammengetragen und das Gespinst von hier aus vorstrukturiert. Alle Frauen, die Interesse daran haben mitzuwirken, sind aufgefordert, ihren Beitrag beim Symposium zu leisten.

Auf diesem Symposium wurde beschlossen, bei der DGfE einen Antrag auf Einrichtung einer Kommission Frauenforschung zu stellen, welcher jedoch abgelehnt wurde. Zwei Gründe können für diese Entscheidung vermutet werden: Erstens gab es unterschiedliche Ansichten darüber, ob Frauenforschung eine eigene Struktur bekommen oder in andere Strukturen hineingebracht werden sollte. So antwortete der damalige DGfE-Vorsitzende Prof. Dr. Helmut Heid: „ich finde es nicht gut, wenn die Frauen mit ihren Problemen dauernd im Getto blieben; sie müssen ihren Problemen in allen anderen Kommissionen und in der Gesamtarbeit der DGfE Geltung verschaffen; die Probleme der Frauen sind nicht nur an die Frauen, sondern auch an die Männer zu adressieren, weil es eben auch Probleme der Männer sind!“[1] Diese Sicht wurde teilweise auch von weiteren Wissenschaftlerinnen geäußert. Demgegenüber vertraten die Antragsstellerinnen die Ansicht, dass angesichts der bestehenden Strukturen in der Erziehungswissenschaft eine Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs und der Arbeit an Geschlechterfragen zunächst (auch) eigener Strukturen bedarf, wie Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland als Sprecherin der AG einer Kritikerin schrieb: „Damit Frauen aber überhaupt solidarisch diskutieren und bisher vernachlässigte Bereiche aufarbeiten können, bedarf es organisatorischer Formen, die nicht sofort diskriminierende Belächelung u.ä. bewirken.“[2]

Zweitens wurde im Zuge der Diskussion über diesen Antrag definiert, dass Kommissionen die Binnengliederung der Disziplin widerspiegeln sollen oder übergreifende Daueraufgaben bearbeiten sollen. Offenbar wurde der Frauenforschung ein solcher Status nicht zugesprochen. So wurde den Antragsstellerinnen als Alternative angeboten, eine informelle Arbeitsgruppe zu bilden, was von diesen jedoch zunächst abgelehnt wurde, nach einem weiteren erfolglosen Antrag auf Einrichtung einer Kommission jedoch dann Ende 1984 angenommen und durch Beschluss des DGfE-Vorstands 1985 realisiert wurde. Die Liste der DGfE-Mitglieder, die in der AG mitarbeiten wollten, umfasste 25 Namen – darunter auch ein männlicher.

Die Gründung der AG warf einige grundsätzliche Fragen auf. So gab es Frauen, die an der Mitarbeit bei Symposien oder der AG interessiert waren, aber aus formalen Gründen nicht Mitglied der DGfE werden konnten – sie wie auch die DGfE wurden mit der Frage konfrontiert, was Mitgliedschaft in der Gesellschaft begründet und bringt. Ebenso wurden Hierarchieprobleme aufgeworfen, so beantragten die Organisatorinnen eines weiteren Symposiums auf dem DGfE-Kongress 1984 Zuschüsse zu Reise- und Übernachtungskosten für 13 Referentinnen, was innerhalb der DGfE unüblich war.

Im Anschluss an die Gründung der AG führte diese 1985 eine erste eigene Tagung zum Thema „Koedukation“ im Hermann-Nohl-Haus in Lippoldsberg durch. Seitdem haben ohne Unterbrechung alle zwei Jahre 15 Fachtagungen stattgefunden. Diese Fachtagungen waren nicht nur Orte wissenschaftlichen Austauschs. Vielmehr wurde von ihnen aus auch versucht, in die universitäre und nicht-universitäre Welt hineinzurufen. Insgesamt vier Positionierungen zeugen davon (ein Memorandum und drei offene Briefe). Das erste Memorandum antwortete auf diskriminierende Ausschreibungen der DFG und des Wissenschaftsrats sowie auf Zeitungsberichte, in welchen ausschließlich die männliche Form verwendet wurde und wogegen sich Einzelne bereits mit Briefen gewendet hatten, die als „unbegründet“ abgewehrt wurden. Das Memorandum kritisierte den geringen Anteil von Frauen an den Professorinnenstellen und stellte eine Liste an Forderungen zur Förderung des weiblichen Nachwuchses auf.

Nach siebenjähriger Existenz der AG wurde schließlich 1991 ein Antrag auf Einrichtung einer Kommission Frauenforschung gestellt, der erfolgreich sein sollte. Die Tätigkeiten der Kommission in den 1990ern beinhaltete die Organisierung weiterer Fachtagungen, worunter eine besonders heraussticht: 1993 führte die Kommission anstelle einer Fachtagung einen Workshop durch, bei dem nicht so sehr die Präsentation einzelner Studienergebnisse im Vordergrund stand, sondern hier die Planung eines feministischen Curriculums (im Sinne eines aktuellen Wissensstands), welches in verschiedenen thematischen Arbeitsgruppen diskutiert wurde (feministische Theorie, Historische pädagogische Forschung, Sozialisation/Interkulturelles Lernen, Berufspädagogik, Schulpädagogik/Unterrichtsforschung, Jugend/Sozialpädagogik, Weiterbildung, Psychoanalytische Pädagogik). Daraus entstand die insgesamt sechs Einzelbände und einen Doppelband umfassende Reihe „Einführungen in die pädagogische Frauenforschung“ im Deutschen Studienverlag (1996-2002), die von Margret Kraul, Juliane Jacobi, Hildegard Macha und Anne Schlüter herausgegeben wurde.

Im Zuge der Neugliederung der DGfE in Sektionen gab sich die Sektion auf der Mitgliederversammlung am 14.05.1999 in Berlin einen neuen Namen. Gegen die alternativen Titel „Geschlechterforschung“, „Feministische Erziehungswissenschaft“ und „Frauenforschung“  entschieden sich die Sektionsmitglieder mehrheitlich für den Titel „Frauen- und Geschlechterforschung“, wobei das Stimmverhältnis bei der Stichwahl zwischen „Frauen- und Geschlechterforschung“ und „Frauenforschung“ 18:12 betrug.

In den 2000ern sind zwei Publikationsreihen hinzugekommen. Das Jahrbuch für Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, das von einigen Mitgliedern der Sektion gegründet worden ist, wird seit 2005 mit wechselnden Herausgeber_innenschaften veröffentlicht und folgt in der Publikation von Forschungsergebnissen internationalen Standards des Review-Verfahrens. Seit 2009 hat die Sektion zudem eine eigene Schriftenreihe, in welcher die Ergebnisse von Tagungen veröffentlicht werden, die von der Sektion veranstaltet werden.

[1] Zit. n. Faulstich-Wieland (1989, S. 8)
[2]
Zit. n. Faulstich-Wieland (1989, S. 9)

Literatur
Faulstich-Wieland, Hannelore (1989). Die Arbeitsgruppe Frauenforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. In dies. (Hrsg.), Weibliche Identität (S. 3-11). Bielefeld.

Recherchiert und zusammengestellt
von Thomas Viola Rieske.

Historische Dokumente der Sektion

Die Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft und ihre Vorgängerinnen AG bzw. Kommission Frauenforschung haben im Laufe Ihrer Geschichte einige interessante Dokumente produziert, die an dieser Stelle betrachtet werden können. Sie sind im Archiv der Sektion in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin zu finden.

  • Die Vorbereitungsgruppe des Symposiums auf dem 9. DGfE-Kongress 1984 formulierte ein Selbstverständnis, das Einblicke in die umfassenden Veränderungsansprüche lässt, die die damaligen Akteurinnen verfolgten.
  • Auf der 2. Fachtagung der AG Frauenforschung wurde angesichts Frauen ausschließender Stellenausschreibungen ein Memorandum zur Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses verfasst.
  • 1990 unterstützte die AG Frauenforschung den Berliner KiTa-Streik mit einem offenen Brief.
  • 1991 stellte die AG erfolgreich einen Antrag auf Einrichtung einer Kommission Frauenforschung in der DGfE.
  • Ebenfalls 1991 kommentierte die AG Frauenforschung die problematische Stellenbesetzungspolitik in den neuen Bundesländern mit einem offenen Brief.
  • 2009 kritisierte die Sektion auf ihrer Fachtagung in Marburg homosexuellenfeindliche Positionen, die auf dem parallel stattfindenden Kongress „Psychotherapie und Seelsorge“ vertreten wurden.

Rundbriefe der Sektion zum Download

Rundbrief der Sektion, August 2013, bitte hier herunterladen

Rundbrief der Sektion, Dezember 2012, bitte hier herunterladen

Rundbrief der Sektion, April 2011, bitte hier herunterladen.

Rundbrief der Sektion, Dezember 2010, bitte hier herunterladen.

Rundbrief der Sektion, März 2010, bitte hier herunterladen.