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Tagung 2020

Zum Verhältnis von Bildung für nachhaltige Entwicklung und der globalen Nachhaltigkeitstransformation am5. Juni 2020


Tagungsdokumentation

Am 05.06. fand die erste digitale Nachwuchstagung der BNE-Kommission der DGfE statt. Mit 56 (teils internationalen) Teilnehmer*innen, 11 Präsentationen und einer inspirierenden Keynote-Speech wurde die Tagung als spannende Vernetzungs- und Diskussionsplattform wahrgenommen. 

Prof. Heila Lotz-Sisitka, Forschungsprofessorin an der Rhodes-University in Südafrika, eröffnete die Konferenz mit ihrem Vortrag "Education for Sustainable Development and the Sustainable Development Goals". Ausgehend von der Analyse, dass Covid-19 viele der aktuellen Problemlagen im Kontext der globalen Nachhaltigkeitsagenda – besonders in den Ländern des Globalen Süden – verschärft, plädiert sie für ein Engagement mit dem Ziel, die Wirtschaft umzustrukturieren und globale Ungleichheit zu reduzieren. Da diese Aufgabe im Kern ein Projekt des sozialen Wandels darstellt, sind auch die Bildungs- und Erziehungssysteme gefragt. Heila Lotz-Sisitka argumentiert, dass international zunehmend neue Anforderungen an die Qualität und die Zielsetzung von Bildung gestellt werden. Flankiert durch die internationale Nachhaltigkeitsagenda 2030, die Sustainable Development Goals, und die Bemühungen von sozialen Bewegungen, steht ein transformatives, soziales Lernen im Mittelpunkt, das auf globale Gerechtigkeit ausgerichtet ist. Dieses fokussiert auf eine „transformative agency“ und die Fähigkeit, sich tiefgehend mit den globalen Nachhaltigkeitszielen auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch die Erörterung der Frage, welche Zielkonflikte zwischen den einzelnen Zielen bestehen und welche Blickwinkel in den SDGs fehlen. Hier greift sie schließlich auch postkoloniale Sichtweisen und Perspektiven aus der Black-Lives-Matter Bewegung auf. Die Prinzipien eines solchen Lernens veranschaulicht Heila Lotz-Sisitka schließlich an verschiedenen transdisziplinären Forschungsprojekten insbesondere im ländlichen Raum deutlich.

Im Rahmen der ersten Session der Nachwuchstagung standen BNE-spezifische Lernergebnisse im Mittelpunkt. Julia Günther (Ackerdemia e.V.) präsentierte in ihrem Vortrag verschiedene Priorisierungen von BNE-Kompetenz durch Expert*innen aus der (Bildungs-)Politik, BNE-Praxis und Wissenschaft. Lydia Heilen (Leibniz-Universität Hannover) fokussierte in ihrem Vortrag vor allem die Perspektive Jugendlicher im Kontext einer BNE und wie diese konkurrierende Handlungsmotive durch andere Jugendliche als Vorbilder bearbeiten können.

Die zweite Session beinhaltete Forschungsarbeiten zu BNE in der Lehrer*innenbildung. Hier stellte Stephanie Mittrach (Leibniz-Universität Hannover) ihre Untersuchung zu subjektiven Theorien von Geographielehrkräften vor. Janina Taigel (Freie Universität Berlin) diskutierte das Forschungsdesign Ihrer Studie zu multiprofessionellen (Innovations-)Netzwerken in der Kooperation von Lehrkräften und außerschulischen Partnern.

Die dritte Session stand im Zeichen der Schulgärten als Lernorte. Hier präsentierte einerseits Johanna Lochner (Humboldt-Universität zu Berlin) ihre Studie zu Lernergebnissen virtueller Austauschformaten von Schulgärten weltweit. Andererseits diskutierte Frederik Ernst (Universität Rostock) das Forschungsdesign seines Promotionsprojekts über ein selbstorganisiertes Gartenseminar für angehende Lehrkräfte und dessen Potenzial für transformatives Lernen. 

Die vierte Kurz-Session beinhaltete den Vortrag von Janne von Seggern (Freie Universität Berlin). Ihre Studie beleuchtete die lokale Anpassung an den Klimawandel im pazifischen Raum und ihre Verknüpfung mit globalen bildungspolitischen Programmen im Rahmen einer reflexiv-ethnographischen Analyse.

In der fünften Session präsentierte Philip Bengel (Philipps-Universität Marburg) die Entwicklung und Evaluation einer App als Medium eines mehrperspektivischen Lern-Erlebniskonzeptes zur wissenschafts-und technologieorientierten BNE in Schutzgebieten. Antje Goller (Universität Leipzig) stellte ihre Studie zu subjektiven Theorien in der Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung im Kontext der Fachdidaktik „Wirtschaft-Technik-Haushalt-Soziales“ vor. 

In der sechsten und letzten Session stand die Implementation von BNE auf Ebene des Bildungssystems im Mittelpunkt. Hier gab Marcel Werner (Bundesinstitut für Berufsbildung) einen Einblick in die systematische Entwicklung eines Indikators für die berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung. Antje Brock, Julius Grund und Janne von Seggern präsentierten die bisherigen Ergebnisse und die zukünftigen Schwerpunkte im nationalen Monitoring BNE, das von der FU Berlin durchgeführt wird.

Parallel zu den Sessions hatten die Teilnehmer*innen der Tagung die Möglichkeit, sich in einem separaten Cafetaria-Raum zu treffen und auszutauschen. Auch dieser informelle Tagungsbereich wurde sehr gut angenommen und machte die virtuelle Tagung etwas stärker zu einem typischen Tagungserlebnis. 

 

Tagungsankündigung

Am Freitag, den 05. Juni 2020 findet die virtuelle TagungZum Verhältnis von Bildung für nachhaltige Entwicklung und der globalen Nachhaltigkeitstransformation” der BNE-Kommission der DGfE statt. Die Tagung wird in Kooperation mit der Freien Universität Berlin durchgeführt. 

Wir freuen uns sehr, die Bildungs- und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Prof. Dr. Heila Lotz-Sisitka (Rhodes University, South Africa) als Keynote-Speakerin  begrüßen zu dürfen.

Das aktuelle Tagungsprogramm finden Sie hier.

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Technische Rahmenbedingungen und Voraussetzungen:

  • Die Konferenz wird mit dem Online-Konferenz-Tool Cisco WebEx durchgeführt. Damit Sie gut durch den Tag kommen, empfiehlt es sich, die Desktop-App im Vorfeld herunter zu laden, da diese mehr Möglichkeiten zur Kommunikation bietet. Link zum download der App.
  • Ein virtueller Testraum wird am 03.06.2020 von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr angeboten. Der Link dazu wird ein paar Tage vorher an die angemeldeten Teilnehmer*innen versendet.
  • Einladung zur Konferenz selbst, die eine Zugangs-ID und ein Passwort umfasst, bekommen Sie ebenfalls im Juni kurz vor der Konferenz per Mail zugesendet.
  • Außerdem erhalten Sie von uns ein Informationsblatt mit kommunikativen Anregungen und technischen Hinweisen für den virtuellen Austausch.
  • Die Power-Point-Präsentationen der Vortragenden sollen bitte bis zum 03.06. bei Frau Voss eingehen.

     
  • ACHTUNG! Anmeldungen zur Teilnahme werden nur noch bis zum 27. Mai entgegengenommen.

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Auf der Veranstaltung soll im Sinne einer aktuellen Verhältnisbestimmung die Rolle von Bildung in der Nachhaltigkeitstransformation diskutiert werden wie auch die Rolle von Nachhaltigkeit in der Weiterentwicklung von Bildungssystemen. 

Mit dem Jahr 2020 startet das Folgeprogramm der UNESCO zum Weltaktionsprogramm BNE: „Education for Sustainable Development: Towards achieving the SDGs“– kurz „ESD for 2030“. Es nimmt die globale Nachhaltigkeitsagenda zum Bezugspunkt und zielt damit auf eine stärkere Verschränkung von Bildung für nachhaltige Entwicklung und der internationalen wie nationalen oder regionalen Nachhaltigkeitspolitik. Drei Schwerpunkte stehen im Mittelpunkt des neuen Programms: 1) Transformative Handlungen, 2) Strukturelle Veränderungen und 3) die technologische Zukunft.

Bildung wird insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Protestbewegungen von jungen Menschen im Kontext von Klimagerechtigkeit, wie Fridays for Future, als einer von sechs sozialen Kipp-Interventionspunkten beschrieben. Gerade die Klimabildung entwickelt sich als dynamisches Forschungsfeld, dessen Verbindungen zu Bildung für nachhaltige Entwicklung jedoch bisher kaum systematisch bearbeitet werden. Bildung ist zudem ein zentraler Schlüssel für die Auseinandersetzung mit Zielkonflikten und Spannungsfeldern innerhalb der SDGs sowie eine grundlegende Säule für alle SDGs. Mit einer starken Zielorientierung des neuen UNESCO-Programms geht aber tendenziell die Gefahr einher, dass Bildung für gesellschaftliche Fragen in den Dienst genommen wird und über eine Veränderung der Bildungssysteme Probleme gelöst werden sollen, die in anderen gesellschaftlichen Teilsystemen nicht gelöst werden können. Insofern stellt sich die Frage, welchen Beitrag BNE nicht nur fürdie SDGs leisten kann, sondern welche Potentiale sie jenseitseiner Engführung auf die Zielorientierung der SDGs hat.

BNE gewinnt aktuell zunehmend an Bedeutung im deutschen Bildungssystem und wird in verschiedenen Bildungsbereichen von der frühkindlichen Bildung bis hin zur Hochschulbildung verstärkt aufgegriffen – wenngleich langsam und vor allem auf spezifische Fächer/ Disziplinen/  Berufsgruppen bezogen. Der jüngere Forschungstand zur Implementierung von BNE reicht von Fragen der Professionalisierung und Schulentwicklung, über die Lehrkräfteaus- und weiterbildung, fachdidaktikische Perspektiven bis hin zu frühkindlicher Bildung, beruflicher Bildung, hochschulischer Bildung oder der außerschulischen und politischen Bildung. Auch die anhaltende Suche nach einer geeigneten Indikatorisierung von BNE oder die Arbeiten des Monitorings sowie der Governance von BNE zeigen, dass sich das Forschungsfeld zur Frage der Verankerung von BNE im deutschen Bildungssystem dynamisch weiterentwickelt. Gleichzeitig berichten junge Menschen wie Lehrkräfte mit nachhaltigkeitsbezogenen Vorraussetzungen nicht von einem stärkeren nachhaltigkeitsbezogenen Handeln, was auf mangelnde Hoffnung im Hinblick auf das Erreichen ein Transformation zurückgeführt wird.

Das wechselseitige Verhältnis von BNE und globaler Nachhaltigkeitstransformation bleibt damit voller Fragen: 

  • Welchen  Beitrag leistet BNE für aktuell stattfindende Transformationsprozesse? 
  • Wie wirken die sich beschleunigenden Krisen der Nicht-Nachhaltigkeit auf die Zielgruppen von BNE? 
  • Welche nachhaltigkeitsbezogenenen Wissensbestände und Kompetenzen sind für die Realisierung von BNE für verschiedene Zielgruppen relevant? 
  • Welche Formate des Austauschs und der Kooperation existieren zwischen der Bildungsforschung für nachhaltige Entwicklung, Nachhaltigkeitswissenschaften und gesellschaftlichen Akteuren der Transformation für eine nachhaltige Entwicklung?
  • Wie kann ein stärkeres Zusammenspiel von Nachhaltigkeitstransformation und Bildungstransformation konzeptionell, didaktisch, organisational und politisch gestaltet werden?
  • Welche Implikationen hat die Verankerung von BNE für die Bildungsorganisationen im Sinne des Whole-Institution Approachs? 
  • Wie arbeiten formale Bildungsinstitutionen mit Nachhaltigkeitsakteuren aus dem kommunalen, regionalen und nationalen Umfeld im Sinne einer Transformation zusammen?

Den Call mit Literaturangaben finden Sie hier auch als PDF.

Auf der Tagung sollen Forschungsprojekte von Nachwuchswissenschaftler*innen, die diese oder ähnliche Fragen fokussieren, präsentiert und diskutiert werden. Die Einreichung von Abstracts (500 Wörter exklusive Literatur) mit Darlegung des Forschungsstands, der Zielstellung der Studie, dem methodischem Vorgehen und den (vorläufigen/erwarteten) Ergebnissen können bei den Organisator*innen der Tagung eingereicht werden: sbrodowskiErziehung@zedat.fu-berlinwissenschaft.de und verena.holzErziehung@leuphanawissenschaft.de

Die Frist zum Einreichen ist der 15.04.2020.