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Aktuelles

Sonderpädagogik - zwischen Dekategorisierung
und Rekategorisierung
Jahrestagung der Sektion Sonderpädagogik der DGfE 2021

Das Institut für Sonderpädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg freut sich, die Jahrestagung der DGfE-Sektion Sonderpädagogik 2021 auszurichten. Die Tagung wird stattfinden vom 29.9. bis 1.10.2021.
Bitte informieren Sie sich hier über den Call for Papers. Die Einreichungsfrist endet am 31. März 2021.

Teilhabe auf Distanz?
Stellungnahme der Sektion Sonderpädagogik zur Corona-Krise, 10.04.2020

Die schnellen und gravierenden Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus bergen für uns alle, aber auch gerade für Menschen, die von Exklusion und Marginalisierung bedroht sind, viele neue Risiken der Exklusion und Hürden zur aktiven Teilhabe in ihrem derzeitigen Alltag. Vor allem die substantiellen Veränderungen durch Kontaktverbote und häusliche Isolation stellen neue und riesige Herausforderungen, die als Problemfelder systematisiert und auf unterschiedlichen Ebenen in den Blick genommen werden sollten.
Der Vorstand der Sektion Sonderpädagogik in der DGfE sieht es als seine Aufgabe an, auf diese Situationen aus wissenschaftlicher Perspektive aufmerksam zu machen. Dabei geht es uns darum, Fragen und Probleme zu thematisieren, zu systematisieren und ggf. politisch zu adressieren. Wir reagieren damit auf die Lage, dass die Schutzmaßnahmen, so berechtigt sie derzeit sein mögen, nicht nur erhöhte Exklusionsrisiken bergen, sondern Menschen, die ohnehin schon am Rand unserer Gesellschaft stehen, tatsächlich existenziell bedrohen könnten.
Stellungnahme als pdf-Download

Greta Thunberg als bewundernswerte Kranke - Ein kritischer Essay von Kathrin Kreuznacht

Im Nachgang zur Mitgliederversammlung der Sektion Sonderpädagogik, die am 26. September 2019 anlässlich der Jahrestagung der Sektion an der Bergischen Universität Wuppertal durchgeführt wurde, veröffentlichen wir in unserer neuen Rubrik ‚Aktuelles‘ einen kritischen Essay von Katrin Kreuznacht, M.A. Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und M.Ed. Sonderpädagogik, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie des Instituts für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover promoviert. Da wir als Vorstand der Sektion Sonderpädagogik für den Inhalt dieser Website verantwortlich sind, wurde der Essay im Vorfeld einer sorgfältigen Prüfung im Sinne eines kritischen Reviews unterzogen.

Greta Thunberg als bewundernswerte Kranke

Ein kritischer Essay von Kathrin Kreuznacht, Leibniz Universität Hannover

Mit den Fridays for Future hat Greta Thunberg eine weltweite Bewegung initiiert und wird im öffentlichen Diskurs seitdem als Ikone verhandelt. Gleichzeitig ist sie Projektionsfläche für Anfeindungen, die dabei nicht selten unter die Gürtellinie gehen und wenig mit Greta Thunbergs inhaltlicher Positionierung in Verbindung stehen. Insbesondere aus sonderpädagogischer Perspektive ist es sinnvoll, die Hassreden, die Thunberg täglich betreffen, zu analysieren.
Der französische Autor Pascal Bruckner beschwert sich: Greta trage ihren Autismus wie eine Auszeichnung vor sich her (Bruckner, 2019, 1)[1] – was wenig mit der Realität zu tun hat und ihn offensichtlich dennoch stört, denn Autismus scheint für Pascal Bruckner nichts Gutes zu sein, das wird deutlich. Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen sagt CDU-Politiker Friedrich Merz: „Auf der einen Seite ist sie bewundernswert, aber auf der anderen Seite ist sie krank“ (Schmitz und Hufnagel, 2019, S.1). Dabei sind die Verklärung als Heldin ebenso wie eine eindeutige Krankschreibung klassische Muster von Behinderungsfeindlichkeit: Greta Thunberg wird so wirkmächtig als anders und minderwertig markiert. Schlimmer als in den vielen Aussagen öffentlicher Personen, die auf Greta Thunbergs Autismus-Spektrum in ableistischer Weise Bezug nehmen, wird es eigentlich nur in sozialen Netzwerken, in denen „die irre Gretel“ als „autistische Rotzgöre“ diffamiert wird (Gemeinsam für Usedom, 2019). Dabei scheint es einzig und allein darum zu gehen, Greta Thunberg als Person zu schwächen, um ihrem Inhalt, der Auseinandersetzung mit dem Klimawandel, nicht argumentativ begegnen zu müssen.
Erklären lassen sich diese behinderungsfeindlichen Aussagen mit Hilfe der Denkfigur des Ableismus. In einer leistungsorientierten Gesellschaft gibt es eine starke Fokussierung auf Fähigkeiten (abilities) einer Person, verbunden mit einer Beurteilung. Diese kann positiv ausfallen (die autistische Heldin) oder negativ (die unweibliche Autistin ohne Gefühle) – in ihrer Reduktion auf körperliche und geistige Fähigkeit ist sie aber immer diskriminierend. Ableismus trifft Menschen mit und ohne Behinderung, die ver- und beurteilt werden und ist Ausdruck einer machtförmigen Ordnung, die Gesellschaft organisiert (Lindmeier 2018, 57).
Neben den zum Teil diffamierenden Beleidigungen sind auch schwächere Formulierungen, wie Greta leide unter Autismus, Teil der täglichen Berichterstattung (Voß 2019) – auch hier zeigen sich in der selbstverständlichen Gleichsetzung von Leben im Autismus-Spektrum und Leid ableistische Tendenzen, denn Greta Thunberg betont ihr Leid gar nicht. Für sie ist Anderssein unter den richtigen Umständen eine Superkraft, gibt sie auf Twitter bekannt (Thunberg 2019a). Für die Neurodiversitätsbewegung und die Bewegung für die Rechte von Menschen mit Autismus sind Formulierungen wie „leiden unter Autismus“ deshalb diskriminierend (Harmon 2004).
Im Anderssein Greta Thunbergs spielen außerdem Behinderung und Geschlecht (und Alter) zusammen; es scheint bedeutsam zu sein, dass Greta Thunberg weiblich positioniert ist: Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Figuren im Autismus-Spektrum aus populären TV-Produktionen wie Sheldon Cooper in der Big Bang Theory (2010-2019) oder Sherlock in der gleichnamigen BBC-Serie (2010-2017) akzeptiert sind: Sie sind überdurchschnittlich intelligent und emotional unabhängig bei gleichzeitiger sozialer Beeinträchtigung. Damit sind sie fähigkeitsmäßig zwar eingeschränkt, bestätigen und aktualisieren aber kulturelle Männlichkeitsvorstellungen. Greta Thunberg widerspricht in ihrer Intelligenz, ihrem entschlossenen Auftreten, der Strenge, die sie ausstrahlt, den immer noch vorherrschenden Weiblichkeitsvorstellungen – insbesondere für Mädchen und junge Frauen. Dafür wird sie mehrfach diffamiert.
Auf einer Verhaltensebene widerspricht Thunberg, von Andrew Bold in der australischen Herald Sun als „verhaltensgestörte Anführerin eines Klimakults“ bezeichnet, Geschlechterstereotypen (2019, S.1): Sie tritt selbstbewusst für ihre Sache auf – dass sie als „verhaltensgestörte Anführerin“ bezeichnet wird, hat mindestens zwei Diskriminierungsdimensionen: Die Pathologisierung als verhaltensgestört ist im Kern ableistisch. Dass hier eine Verbindung mit der Beschreibung als Anführerin gezogen wird, zeigt, dass ihre Klarheit, Bestimmtheit und Tatkraft stören. ‚Chefsache’ ist im Diskurs immer noch männlich konnotiert – weibliche Anführerinnen ecken an.
Gegenwind bekommt Thunberg in Form von Kritik alter weißer Männer wie dem französischen Philosophen Michel Onfray, der sich an „dem jungen Mädchen, das niemals lacht“ stört, sich darüber empört, dass Thunbergs „Cyborggesicht“ jedes Gefühl ignoriere und außerdem konstatiert, ihre Intelligenz sei fremdgesteuert (Onfray 2019, S. 1-2). Eine junge Frau, die nicht ausschließlich emotional und freundlich auftritt, aber dafür mit Willensstärke, Anführerinnenqualitäten und Intelligenz ausgestattet ist – das scheint Geschlechtervorstellungen zu verstören.
Wenn Michael Knowles Greta Thunberg im  US-TV-Sender Fox News dann als „geisteskrankes schwedisches Kind, das von ihren Eltern und der internationalen Linken ausgenutzt wird“ bezeichnet (Dillmann 2019), wird deutlich, dass neben Behinderung (=“geisteskrank“), Geschlecht (Frauen und Mädchen, die sich für die Sache engagieren, tun das nicht für sich, sondern werden von anderen ausgenutzt) auch Alter eine zentrale Rolle in den Hassreden einnimmt. Greta Thunberg ist ein „Kind“ – wer kann und soll ihre Inhalte dann ernst nehmen? In der Betonung von Thunberg als Kind können sich die vermeintlich Erwachsenen selbst in die Rolle der Besserwissenden aufschwingen, die das Recht haben über die Inhalte der Kinder zu urteilen. Das ist ein Paternalismus, der sich in Verbindung mit Ableismus zum Beispiel in den Worten von Maximilian Krah, sächsischer Europaabgeordneter für die AfD, zeigt. Krah twittert über Thunberg: „Das arme Kind braucht einen Psychotherapeuten“ (2019).
Geschlecht, Alter und Nicht/Behinderung funktionieren als Strukturkategorien für die Ordnung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Unter dem Stichwort Intersektionalität werden in Pädagogik und Sozialwissenschaften Überkreuzungen dieser verschiedenen Kategorien verhandelt (Winker u. Degele 2009). Dass die Empörung und Wut Greta Thunberg so stark betreffen, ist auch ein Zeichen: Denkmuster und tradierte Kategorien und damit verbundene Machtpositionen geraten ins Wanken. In Zeiten des Wandels gilt es, sich zu positionieren. Offene Diskriminierung auf Grund von Geschlecht und Alter ist 2019 inakzeptabel. Für die Disziplin der Sonderpädagogik, die sich in Zeiten des Wandels auch selbst von einer konstitutiven Defizitorientierung zu einer diversitätsbewussteren Pädagogik der Partizipation und Inklusion entwickelt, gilt es insbesondere einer machtsichernden Pathologisierung von Greta Thunberg, die sich selbst als Asperger-Autistin bezeichnet (2019b), entgegenzustehen.

Literaturangaben
Bold, A. (2019: Child Abuse; On the Fear Mongers who made Greta Thunberg cry. Herald Sun. https://www.heraldsun.com.au/blogs/andrew-bolt/child-abuse-shame-on-the-fearmongers-who-made-greta-thunberg-cry/news-story/194471d03b32b9c99cfedd40c173c666 [22.10.2019].
Bruckner, P. (2019). Greta Thunberg ou la dangereuse propagande de l’infantilisme climatique. Le Figaro. https://www.lefigaro.fr/vox/societe/pascal-bruckner-greta-thunberg-ou-la-dangereuse-propagande-de-l-infantilisme-climatique-20190409 [22.10.2019].
Dillmann, D. (2019). Wenn aus Angst vor Klimaaktivisten Hass auf ein Mädchen wird. https://www.fr.de/meinung/greta-thunberg-trump-news-wenn-angst-klimaaktivisten-hass-maedchen-wird-13034630.html [22.10.2019].
Gemeinsam für Usedom (2019). Facebook Status Update, 10. August. www.facebook.com/gemeinsamfuerusedom/; 5WJ3I_EVYtt8DbTv-Z3E8muSoXM84yROACgcMLA7dRFDvX1MJO3g&fref=nf. [16.08.2019].
Harmon, A (2004). Neurodiversity Forever; The Disability Movement Turns to Brains.  The New York Times. www.nytimes.com/2004/05/09/weekinreview/neurodiversity-forever-the-disability-movement-turns-to-brains.html [22.10.2019].
Krah, M. (2019). Twitter Statusmeldung, 25. Januar. https://twitter.com/krahmax/status/1088778801025351680?lang=de [20.10.2019].
Lindmeier, C. (2018). Differenz, Inklusion, Nicht/Behinderung. Grundlinien einer diversitätsbewussten Pädagogik.  Stuttgart: Kohlhammer.
Onfray, M. (2019). Greta la Science. Résistance Républicaine. http://resistancerepublicaine.eu/2019/07/25/michel-onfray-greta-thunberg-cest-melenchon-dans-le-corps-dalice-au-pays-des-merveilles/ [14.08.2019].
Schmitz, G.P. u. Hufnagel, M. (2019). Friedrich Merz – Da widerspreche ich Frau Merkel ernsthaft. Augsburger Allgemeine. https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Friedrich-Merz-Da-widerspreche-ich-Frau-Merkel-ernsthaft-id55538941.html [22.10.2019].
Thunberg, G. (2019a). Twitter Statusmeldung, 31. August. https://twitter.com/gretathunberg/status/1167916177927991296 [22.10.2019].
Thunberg, G. (2019b). Twitter Profilbeschreibung. https://twitter.com/gretathunberg?lang=de [28.10.2019].
Voß, B. (2019): An ihr liegt es nicht. Cicero. https://www.cicero.de/innenpolitik/greta-thunberg-autismus-fridays-for-future-silicon-valley [22.10.2019].
Winker, G. u. Degele, N. (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript.

Verzeichnis telesvisueller Produktionen
The Big Bang Theory (2007-2019). C. Lorre, B. Brady. US: Warner Brothers, Chuck Lorre Productions.
Sherlock (2010-2017). S. Moffat, M. Gatiss. UK: BBC.

[1] Sämtliche Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen erfolgen durch die Verfasserin.